von Dr. Jens Graul

Die Kasernenanlage am Mühlenweg ist 1912 – vor gut 100 Jahren – vom Marine-Garnison-Bauamt Wilhelmshaven, den Architekten Wilibald Strempel und Friedrich Balfanz, errichtet worden. Sie bestand aus elf Unterkunfts- bzw. Verwaltungsgebäuden, einem Exerzierhaus (der späteren Kraftwagenhalle) sowie einem sehr großen Exerzierplatz.

Das Kasernengelände lag auf Heppenser Gebiet. Schon vor der Jahrhundertwende hatte sich herausgestellt, dass das ursprünglich von Preußen 1853 bzw. 1864 zur Anlage eines Flottenstützpunktes erworbene Areal dem militärischen Bedarf nicht mehr genügte. Das Großherzogtum Oldenburg lehnte eine weitere Ausdehnung des preußischen Jadegebiets ab, gestattete aber Preußen, auf fiskalischem Gebiet militärische Anlagen zu errichten: die Kasernen am Mühlenweg,  die Kasernen für das II. Seebataillon an der Gökerstraße, das Marinebekleidungsamt in der Ulmenstraße (Textilhof), die Marinewaschanstalt in der Schellingstraße oder das Munitionsdepot und die Schießanlage (später Sportgelände) an der Freiligrathstraße.

Die Architekten entwarfen zwischen Mühlenweg und Artilleriestraße (heute Schellingstraße) eine Anlage nach dem Prinzip der „Pavillon-Kaserne“:  einzelne freistehende Unterkunftsgebäuden rund um einen zentralen Exerzierplatz. Die Kasernen waren für 2.400 Soldaten ausgelegt und damit möglicherweise eine der größten Anlagen ihrer Zeit. Die Gestaltung die Gebäude entsprach dem so bezeichneten „niederländischen Renaissancestil“. Ingo Sommer schrieb dazu: „Die zwei bis viergeschossigen Einzelgebäude sind im Inneren absolut modern, vermitteln aber im äußeren den Eindruck bürgerlich verschlafener Biederkeit, auch wenn sie hoheitlich gemeint waren. Die umlaufenden roten Backsteinfassaden sind durch helle Sandsteinstreifen in Höhe der Fensterstürze, Fensterbänke und Kämpfer aufgelockert. Hoch ausragende, steile Ziegeldächer enthalten weitere Geschosse und entsprechende Gaubenreihen. Sogar Dachdetails aus dem Formkatalog der englischen Landhausvillen sind zu finden. Hervorstechendes Merkmal der Mühlenwegkasernen sind die zahlreichen treppenförmigen teils mehrere Geschosse hohen Renaissancegiebel, die durch Voluten, Schweifwerk und Obelisken äußerst reichhaltig gerahmt sind.“ [1]

neueKaserneMuehlenweg

Gegenüber der Kasernenanlage entstanden zur gleichen Zeit Wohnungen für Längerdienende sowie eine Wohnsiedlung für verheiratete Unteroffiziere, heute auch als „Kaiserin Auguste-Viktoria–Siedlung“ bezeichnet.

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Die „Kaserne Rüstringen“ oder auch das „Kasernement Rüstringen“, wie man es zeitgenössisch  nannte, wurde für die II. Schiffsstammdivision, die Ausbildungseinheit für den seemännischen Nachwuchs der Kaiserlichen Marine errichtet. Hier erhielten die Wehrpflichtigen und die freiwilligen Matrosen der Kaiserlichen Marine ihre militärische Grundausbildung, bevor sie auf die Schiffe kommandiert wurden. In Gegensatz dazu bildete man den technischen Besatzungsnachwuchs – Heizer und Maschinenpersonal – bei der II. Werftdivision in der Werftkaserne (heute Nordhafen) aus. Gebräuchlich war neben der Bezeichnung II. Schiffsstammdivision auch die Bezeichnung II. Matrosendivision.

Division_Linienschiff_Braunschweig

Nach dem Ersten Weltkrieg erhielten die Gebäude die Namen untergegangener Schiffe der Kaiserlichen Marine aus dem Ersten Weltkrieg.

Schellingstraße 15 MAINZ Kleiner Kreuzer, 1914 bei Helgoland
Schellingstraße 17 BLÜCHER Großer Kreuzer, 1915 bei der Doggerbank
Schellingstraße 19 FRAUENLOB Kleiner Kreuzer, 1916 im Skagerrak
Schellingstraße 21 STETTIN Kleiner Kreuzer, 1916 im Skagerrak
Mühlenweg 59 DERFFLINGER Großer Kreuzer, 1919 selbst versenkt in Scapa Flow
Mühlenweg 61 MOLTKE Großer Kreuzer, 1919 selbst versenkt in Scapa Flow
Mühlenweg 63 ARIADNE Kleiner Kreuzer, 1914 bei Helgoland
Mühlenweg 65 SEIDLITZ Großer Kreuzer, 1919 selbst versenkt in Scapa Flow
Mühlenweg 67 COELLN Kleiner Kreuzer, 1914 bei Helgoland

Nach dem Ersten Weltkrieg nutzten das Küstenwehregiment und die II. Matrosenartillerieabteilung die Anlage am Mühlenweg.

Kuestenwehrregiment

1937 erhielt die gesamte Kasernenanlage den Namen „Admiral von Schröder Kaserne“ nach dem Befehlshaber des Marinekorps (Marineinfanterie) in Flandern während des Ersten Weltkrieges. Die II. Schiffsstammdivision verlegte 1937 nach Glückburg, in die Kasernen am Mühlenweg zog u.a. die Höhere Fachschule für Verwaltung und Wirtschaft der Kriegsmarine ein.

Auf dem Gelände befand sich – vor dem Stabsgebäude (heute Sporthalle Mühlenweg) – das Denkmal der II. Matrosendivision, zur Erinnerung an die toten Seeleute der Kaiserlichen Marine vor dem Ersten Weltkrieg. Als das Stabsgebäude (Mühlenweg 69) 1974 abgebrochen wurde, verlagerte man das Denkmal in die Kasernenanlage Ebkeriege, von dort fand es 1998 seinen Weg ins Deutsche Marinemuseum, wo es heute noch steht.

Bei Kriegsende waren nur einzelne Gebäude der Anlage beschädigt. Als im wesentlichen intakte Unterkunft wurde die Kaserne zunächst von den alliierten Besatzungstruppen in Wilhelmshaven genutzt, von Einheiten der 1. Polnischen Panzerdivision und des 27. Bataillons der Royal Marines, später der 3. Kanadischen Infanteriedivision. Eine Zeitlang hieß die Anlage „Kingston Barracks“ (nach der Heimatregion der Kanadier, Kingston/Ontario).

Panzer

Die britischen Soldaten ließen es sich natürlich nicht nehmen, einzelnen Kasernengebäuden neue Namen zu geben, Mühlenweg 59 hieß nun „Auchinleck“ (Generalfeldmarschall Claude Auchinleck, u.a. Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte im Nahen Osten), Mühlenweg 65 hieß „Lord Gort“ (Generalfeldmarschall John Viscount Gort, 1940 Oberbefehlshaber des britischen Expeditionskorps in Nordfrankreich), Schellingstraße 17 hieß wahrscheinlich „Montgomery“ (Generalfeldmarschall Bernard L. Montgomery, Oberbefehlshaber der 21. Alliierten Heeresgruppe in Europa).

Eine besondere Rolle spielten die Kasernen im Dezember 1945. Wilhelmshaven war Sammelpunkt für die noch intakten Überwasser-Einheiten der Kriegsmarine. Nach internationalen Abmachungen wurden diese Schiffe auf die USA, Großbritannien und die Sowjetunion verteilt. Um diese Übergabe möglichst reibungslos zu gestalten, holte man die Stammbesatzungen am 17. Dezember 1945 von den Schiffen und quartierte sie für einige Tage unter Bewachung in der Kaserne am Mühlenweg ein. Als die Besatzungen dann auf ihre Schiffe zurückkehrten, fanden sie dort Kernbesatzungen aus Großbritannien und der Sowjetunion vor. Mit diesen verließen sie bis Februar 1946 Wilhelmshaven in Richtung der Zielhäfen wie z.B. Libau/Ostsee, aus denen sie dann nach Wilhelmshaven zurückkehrten.

Dennoch dauerte die alliierte Zeit am Mühlenweg nicht lange, da die britischen und kanadischen Truppen auf Dauer modernere Kasernenanlagen wie z.B. die Kaserne Ebkeriege oder das Wohnlager in Rüstersiel bevorzugten. Die Kasernen am Mühlenweg wurden deshalb schon im Frühjahr 1946 an die Stadt Wilhelmshaven abgegeben, die dort angesichts der vielen in der Stadt zerstörten Schulgebäude Schulen unterbrachte. Am 25. April 1946 übernahmen die Vereinigte Oberschule für Jungen und die Oberschule für Mädchen gemeinsam das Gebäude Mühlenweg 65.

Die Vereinigte Oberschule bestand zunächst aus den Schülern des Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums (Ebertstraße, heut Deutsches Windenergieinstitut DEWI) und der Oberrealschule/Dietrich-Eckart-Schule (Mozartstraße, heute Berufsfeuerwehr). Später kam auch das Reformrealgymnsium/Admiral Scheer Schule vom Rathausplatz hinzu. Die Höhere Mädchenschule siedelte jedoch schon bald in das frühere Gebäude des Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums um. Angesichts steigender Schülerzahlen und notwendiger Schwerpunktbildung teilte man die Vereinigte Oberschule 1954 in die Max-Planck-Schule und die Humboldt-Schule (ab 1956 im wiederhergestellten Gebäude Mühlenweg 63). In der Schellingstraße 17 befand sich bis 1970 die Grundschule Tonndeichschule.

Humboldtschule

Der Fundus des Stadttheaters, das Magazin des Küstenmuseums und die städtische Kunstsammlung kamen in der Schellingstraße 21 unter. Das Gebäude wurde gelegentlich auch als „Fundusgebäude“ bezeichnet. Im Gebäude Mühlenweg 61 sollte einige Zeit lang auch das im Aufbau befindliche Küstenmuseum einziehen. Im Gebäude Mühlenweg 67 quartierte man eine Zeitlang auch „Flüchtlings-unternehmungen“ aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten ein, die großen Unterkunftsräume der Kaserne erwiesen sich als sehr geeignet für kleinere Unternehmen wie z.B. die Druckerei „Paul Hug & Co.“, der Malerbetrieb „Uhr““, die Glasschleiferei „Stuhl“ oder die Strumpffabrik „Wagner & Co.“. In der Kraftwagenhalle siedelte sich die Karosseriebaufirma „Seipel“ an, die der Halle bis heute ihren Namen gab.

Die Kasernenanlage am Mühlenweg war auch der Ausgangspunkt für die Planungen einer Universität in Wilhelmshaven. Der britische Marinebefehlshaber über Wilhelmshaven, Captain Edward R. Conder RN, besichtigte im Mai 1946 gemeinsam mit Stadtrat Hans Beutz die Kasernenanlage. Es galt zu verhindern, dass sie von der regionalen Militärregierung mit weiteren Flüchtlingen belegt würde. Conder regte deshalb an, dort eine Universität einzurichten. Er selbst hatte in Cambridge studiert und fühlte sich durch die Architektur (siehe oben) ein wenig an englische Colleges erinnert.

Universitaet

Hans Beutz und die Stadtverwaltung griffen diese Anregung sofort auf, das städtische Hochbauamt erarbeitete vollständige Planungen für die Nutzung der Gebäude als Universität. Dieser anspruchsvollen Idee war jedoch nicht kein  Erfolg beschieden, weil es dem Land Niedersachsen an den erforderlichen Geldmitteln fehlte und die etablierte Universität Göttingen äußerst eifersüchtig darauf wachte, dass ihr keine allzu starke Konkurrenz entstand.

Wilhelmshaven wurde dennoch zur „Stadt der Wissenschaft. In Rüstersiel eröffnete 1949 die „Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft“, deren Gründungsrektor Wolfgang Abendroth ebenso für reformorientierte Studienangebote stand wie Niedersachsens Kultusminister Adolf Grimme oder Wilhelmshavens Kulturdezernent Hans Beutz. In Rüstersiel konnte man ohne Abitur nach einem Propädeutikum studieren, die Studenten und Dozenten wohnten auf dem Campus. Hier wurde erstmals ein übergreifender sozialwissenschaftlicher Studiengang entwickelt.

Neben mehreren Forschungseinrichtungen wie dem Institut für Vogelforschung „Vogelwarte Helgoland“ und dem Max-Planck-Institut für Meeresbiologie und Fischereifragen kamen in diesen Jahren auch weitere Hochschulen nach Wilhelmshaven, die am Mühlenweg ihre Heimat fanden: Pädagogische Hochschule für landwirtschaftliche Lehrer (Schellingstraße 19), Pädagogische Hochschule für gewerbliche Lehrer (Mühlenweg 59), Staatliche Landbauschule/Staatliche Landfrauenschule (Mühlenweg 67), Handelslehranstalt/Akademie für Betriebs-wirte/Fachschule für wirtschaftliche Betriebsführung/Höhere Wirtschafts-fachschule/Akademie für Betriebswirtschaft (Schellingstraße 17).

Die Gründung einer Niedersächsischen Sportschule im Gebäude Mühlenweg 67, als deren Rektor Dr. Kurt („Futschi“) Krüger (Vereinigte Oberschule, später Max-Planck-Schule) ausersehen war, scheiterte daran, dass die benachbarte Sportanlage an der Freiligrathstraße keine Leichtathletikbahn hatte, weil die Militärregierung sie mit einem durchgehenden Rasenbelag für Hockey und Cricket hatte ausstatten lassen.

Heute stehen Schulen wie das Neue Gymnasium Wilhelmshaven, die Grundschule Mühlenweg, die Projekthäuser der Volkshochschule Wilhelmshaven für den Bildungs-Campus am Mühlenweg.


[1] Ingo Sommer, Wilhelmshavener Architektur zwischen Tradition und Moderne: Ebersbächer, Henneberg, Sommer, Steinberg (Herausgeber), Wilhelm II und Wilhelmshaven – zur Topografie einer wilhelminischen Stadt, Wilhelmshaven 2003, Seite 97

 


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